Angewandte Kulturwissenschaften Wien

Eine Biografie

von

Um die Biografie und die Wirkungsgeschichte Wolfgang von Kempelens, der gewöhnlich als Erfinder des Schachcomputers bekannt ist, gibt es nach wie vor Rätsel, die, wie jüngst die Ausstellung in Budapest gezeigt hat, von falschen Prämissen und falschen Zuschreibungen ausgehen. Alice Reininger hat eine Revision des gängigen Bildnis dieser Persönlichkeit vorgelegt. Sie hat mit der Familiengeschichte, der Beamtenlaufbahn, dann den Leistungen für Technik und Wissenschaft, mit den genauen Beschreibungen der Erfindungen sowie mit der Aufarbeitung des grafischen und literarischen Werkes nicht nur eine Holistik der Persönlichkeit vorgelegt, sondern auch eine exzessive Quellenauswertung, die Licht in das Dunkel der Verwirrung bringen sollte. Sie gibt über den persönlichen Zugang zum Kaiserhaus ebenso Auskunft wie über die Sprachkenntnisse, die Verwechslungen zwischen den Brüdern und anderen Verwechslungen mit Freimaurern. Zu den großen Richtigstellungen zählt auch die Zertrümmerung einer Art Heldenlegende, die Wolfgang von Kempelen als geheimes Mitglied der ungarischen Jakobinerbewegung sah. Dass sie die Auszahlung des Ruhegenusses ebenso beschreibt wie die breiten Auslassungen über das Arbeitsgebiet Kempelens, die vielen technischen Dimensionen (Wasserhebemaschinen, Aufzugsvorrichtungen zum Salz-Ausladen, die Entwicklung der Kempelenschen Dunst- und Feuermaschine, den Druckapparat für die blinde Maria Theresia von Paradis, der Verbindungskanal zwischen Theiss und Donau) und andere Verbesserungen, die vom Bett Maria Theresias bis zum Entwurf einer Tabakschneidemaschine für Hainburg reichten, steigert den Informationsgehalt. Neben Revisionen zur Geschichte des Schachspielautomaten gibt es auch genaue Beschreibungen der grafischen und literarischen Arbeiten, womit der Künstler-Wissenschafter-Typus in seiner Ganzheit erfasst wird und nicht nur aus dem Klischee einer einzigen Maschine herausgefiltert wird. Gerade das Interesse, das die Arbeit Kempelens heute wieder findet, verlangt nach einer genauen Beschreibung und einer den Tatsachen entsprechenden Aufarbeitung, die, so scheint es bislang, von den ausstellenden Institutionen kaum geleistet wurde. (aus dem „Vorwort“)