Asseblick

Fotos von Ernst Fischer

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‚Seit mein Geburtsort Remlingen zum Zentrum eines weltweit wahrgenommenen Atommülldesasters wurde, kehrt die verdrängte Heimat durch alle Medien zu mir zurück. Wenn ich, um Erinnerung oft vergeblich bemüht, mich frage, was die Spitzenunterhosen meiner Grossmutter mit dem kontaminierten Asse-Schacht zu tun haben, so scheint es leicht – vielleicht allzu leicht – zu antworten: nichts.

Es wäre gut, zu recherchieren, wie es im Einzelnen zu dem Verkauf des maroden Bergwerkes an die Gesellschaft für Strahlenforschung kommen konnte, warum es an Sorgfalt und Verantwortungsbewusstsein so bitter mangelte, und es fehlt noch die kunstvolle Beschreibung eines Dorfes.

In Remlingen ist das Kind in den Brunnen gefallen, neunhundert Meter tief, das ist für die Anwohner selten traurig, es gibt keine angenehme Lösung des Problems. Ob es gelingen kann, mit Milliardenaufwand die erodierenden Atommüllfässer noch vor dem Einsturz des Schachtes herauszuholen, ist mehr als ungewiss, die gegebenenfalls anlaufende Aktion bedeutet in jedem Fall, dass Strahlung an der Oberfläche freigesetzt wird, und es ist bis jetzt nicht bekannt, wie und wo der Müll endgültig gelagert werden soll. Als ein Lehrstück über getäuschte Gutgläubigkeit und unvermutete Gefahren einer vermeintlich sauberen Technologie mag die Asse-Geschichte immerhin tauglich sein. Auch dieses Stück konnte ich nicht schreiben.

In den Fotos, die Ernst Fischer im Dorf Remlingen und im Schacht Asse im Sommer Zweitausendzehn gemacht hat, erscheint das, was meine unterminierte Heimat heute zeigen kann, vollends unheimlich.
Seine bei aller Genauigkeit surrealen Bilder haben auf die mich lange scheinbar allein belastende Wahrnehmung von Dorf und Schacht, von oben und unten, befreiend gewirkt, dieses Erlebnis mit einem Publikum teilen zu können, ist der eigentliche Gewinn des vorliegenden Buches.‘