Beim Lesen eines Buches

Hommage für Christa Wolf Erzählung

von

Lesen gehört von jung an – wie Sonnenaufgang, Sonnenuntergang – zu den Wonnen meines Lebens. Fragte mich einer, was Glück sei, ich müßte ihm antworten, Lesen sei für mich Glück erleben. So bleibe es – bis zuletzt. Leseglück hat viele Gesichter, viele wie mein eigenes Gesicht. Tränen unterdrücken oder ihnen freien Lauf lassen, auflachen oder schmunzeln, meistens gleitet mein Blick ernsthaft über die gedruckten Zeilen, so daß ich mein Gesicht spüre, wie ich es niemals sehe, wie es kein Spiegel zeigt, höchstens die eine oder andere Fotografie andeutet, mein beständiges Gesicht, das ich fühle, um das ich weiß, das mir eigen ist, ohne daß ich mir sicher bin, daß ich es kenne, wie es einer kennt, der es vor Augen hat. Ein Gesicht machen, eines haben, es behalten, ohne es je ganz zu verlieren, vielerlei kann ein Gesicht bedeuten. Vielleicht wäre ich nicht auf diesen Gedanken gekommen, wäre mir beim Öffnen des Buches Stadt der Engel nicht die kleine, feine Verlagsbeilage entgegengefallen. Ihr Gesicht voran. Ihre Werke, alle Titel – keiner, dessen Geheimnis mir fremd ist – auf einen Blick. Und jedes Buch trägt das Abbild eines ihrer Gesichter. Liebt ein Mensch, der sein Gesicht so vielfältig jedem, der es sehen mag, freigibt, seine Gesichter, diese im Wandel der Zeit veränderbaren, eines sich doch gleichbleibenden Gesichts? Diese Frage aufzuwerfen, kann mir niemand verwehren, die Antworten wohl.