Der alte Mann spricht mit seiner Seele

von

Man kennt den Dichter Günter Kunert als einen, der die Weltläufte immer skeptisch oder doch zumindest abwartend verfolgt hat. Gewiß war er eher ein Warner als ein Apologet der Zukunft. Nun hat er ein Buch mit Miniaturen geschrieben, stets beginnend mit den drei Worten ‚Der alte Mann‘, in denen er sich in einem hintergründigen, oft heiter-selbstironischen Ton über die Schulter schaut.
‚Der alte Mann‘ zieht Bilanz, er blickt naturgemäß eher zurück als nach vorn, wehmütig zuweilen, weil die Kräfte nachlassen, mit denen der Alltag gemeistert werden muß. Von vielem heißt es Abschiednehmen. Das Treppensteigen fällt schwerer als früher, aber auch die Rolltreppen im Kaufhaus haben ihre Tücken, und beim Bezahlen läßt sich das Kleingeld nicht mehr so leicht aus dem Portemonnaie abzählen. Daß manche Wahrnehmungen blasser werden, ist betrüblich – allerdings nicht nur, denkt man an die Zumutungen unserer Gegenwart. Nicht wenige Probleme werden andere lösen müssen.
Die Abenteuer finden im Kopf statt, und immer größeren Raum nehmen Erinnerungen ein, die mit den Sehnsüchten und Träumen in einen Schwebezustand gebracht werden, in dem sich Protest und Einverständnis mit dem Unabwendbaren die Waage halten. In dieser Spannung bewegen sich Kunerts ‚Gespräche‘, denen 13 Zeichnungen des Autors beigegeben sind.