Geliebte Dirne

Lyrik der Gegenwart. Band 65.

von

Die titelgebende ‚Geliebte Dirne‘ ist, wohl schon in den ersten Strophen erkennbar, eine Allegorie der Sprache. Das so benannte Poem besteht aus annähernd 2500 Versen in einer nicht allzu engen Auffassung des fünffüßigen Jambus (mit weiblichen und männlichen Versenden) und ist in unregelmäßige Strophen unterteilt. Obschon nicht besonders voneinander abgesetzt zerfällt das Werk doch in zwei gegensätzliche Teile. Die erste Hälfte des Langgedichts liest sich wie eine Anklageschrift an die Sprache, weil sich diese doch noch jedem Ansinnen, jedem Irrsinn als dienstbar erwies, wobei von Sokrates bis zur Gegenwart historische Figuren (Luther, Dante, Hegel…) und Ereignisse aus sprachrelevanter Perspektive Beleuchtung finden. Bestimmt in diesem Teil das Eifernde, Entrüstete den Ton, wiewohl auch das Vermittelnde der Sprache nicht ganz vergessen wird, schlägt die Betrachtung der Sprache im zweiten Teil ausgehend von der Erinnerung an die Kindermärchen ins persönlich Berührte und Schwärmerische um, aus der Dirne wird die Geliebte, deren Reichtum und (vor allem ästhetische) Vorzüge gepriesen und vorgeführt werden, womit sich erst die eigentlich getrennt zu lesende Bedeutung beider Bestandteile des Titels erschließt.
Wird im ersten Teil auf historische Tatsachen und Ereignisse angespielt, etwa thematisch sehr passend auf die Episode, in der Aristoteles sich angeblich von der Hetäre als Reittier gebrauchen ließ, so gibt es im zweiten Teil eine Menge Anspielungen auf die unterschiedlichen Sprachtheorien, Theorien der Sprachentstehung und auf den Sprachgebrauch (Saussure, Mauthner, Wittgenstein…), freilich immer wieder von der Lust durchsetzt, die Sprache mit ihrer Vielfalt und ihrem Reichtum vorzuführen. Die gebundene Sprache erweist sich hier mit ihren Jamben nicht nur als Erinnerung an die ‚klassische‘ Dramatik, das tritt im ersten Teil deutlich zutage, sondern entwickelt im zweiten Teil einen hymnisch-euphorischen Rhythmus. Neben der Tatsache, dass formal mit derselben Sprache und sogar demselben Versmaß zwei gegensätzliche Haltungen (Lobpreis und Anklage) ausgedrückt werden, erlangt das Gedicht im zweiten Teil in den Verweisen auf die Vielfalt (hier aufs Semantische konzentriert) eine nahezu vom direkt Inhaltlichen abgehobene Musikalität, die eine wenig beachtete Qualität der Sprache vorführt.
Jeder Text soll einen Gebrauchswert haben. Die Vorstellung oder besser: die Illusion, es gäbe eine sprachimmanente Wahrheit, sodass aus einem korrekten und bedachten Sprachgebrauch auch ein ethisch korrektes und bedachtes Leben sich folgern ließe, wird im ersten Teil mit Widersprüchen unterlaufen, denen sprachlich nichts anzukreiden ist. Hier sollte Misstrauen, vielleicht sogar Abneigung gegen jenen dogmatischen Sprachgebrauch erregt und ausgeweitet werden, wie er von Rechthabern, Ideologen und Politikern immer noch auf uns kommt, mag dieser Bestimmtheit und Sicherheit vorgaukelnde Sprachgebrauch auch von hoher Verführungskraft sein. Anderseits soll freilich auch aufmerksam darauf gemacht werden, wie fast jede Philosophie sich eine eigene dogmatische Sprache schafft. So formuliert wäre das nun wieder ein Dogmatismus, ins Gedicht gewoben, und darum auch die Wahl der lyrischen Form, erwächst dem Gedanken eine zweite Ebene, nämlich die Ästhetik. Mag im zweiten Teil die kommunikative und nützliche Funktion der Sprache fast ausgeblendet scheinen und sich alles auf diese Ästhetik zu konzentrieren, sollte doch die Aufzählung der unendlich breiten Möglichkeiten des Sich-Äußerns ein Gegengewicht zur Enttäuschung, dass es nichts absolut Sicheres zu sagen gibt, darstellen. Anders gesagt, unser Ohr sollte aus der Vielfalt Freude beziehen und nicht das eine und einzige Wahre suchen.