Ich, die Fransentochter

Ein stilles Tagebuch aus dem Jahr 1989

von

Im Jahr 2009 erschien Charles Ofaires Roman-Erstling ‚Berns verlorene Kindheit‘ und hatte schöne Aufmerksamkeit erlangt. Nun legt Ofaire einen zweiten Roman vor, der in und um Marburg angesiedelt ist und das harte Schicksal einer Frau erzählt, die nach einer Brustamputation in ein neues Leben aufbricht. – – ‚Ich, die Fransentochter‘ ist zunächst im Duktus eines Tagebuchs angelegt, und in gewisser Hinsicht ist es ein extrem hartes Stück Literatur: Es hat zur Protagonistin eine Frauen-Figur, die an Krebs erkrankt ist und noch als Erwachsene unter dem frühen Verlust ihres Vaters leidet. Die Erzählzeit ist das Jahr 1989 – die inneren Dämme der Hauptfigur brechen parallel zu den historischen während des Mauerfalls, die persönliche Revolte erkennt ihr Echo in dem friedlichen, aber entschlossenen Aufbruch der DDR-Bürger. Sie geht endlich die Suche nach ihrem verschollenen Vater in Frankreich an, gerät in die deutsch-französischen Verstrickungen aus Zeiten des II. Weltkrieges – sie öffnet sich aber Wege, und es verbinden sich persönliches Schicksal und Zeitgeschichte auf mehreren Ebenen. – – Für viele Härten und irritierende Deutlichkeiten wird der Leser dieses dichten Buches mit jener Klarheit belohnt, die manche Menschen leider erst aus Schicksalsschlägen heraus erlangen. – – Der Krebs hatte mich verändert und eine Änderung gebracht und bewirkt, die überall in meinem Leben fühlbar wurde. Ich erlebte, wie die Entdeckung meines Krebses mir offenbarte, dass er mir eine oder meine Geschichte verbarg oder verschlüsselt erzählte. Ich begann – vor und nach der Operation –, mit ihm zu sprechen wie mit einem lebendigen Wesen, und fragte ihn: „Was kann ich für dich und was kann ich gegen dich tun, Krebs?“ Und gleich darauf fragte ich mich vor dem Spiegel, um die Feierlichkeit meines Nachdenkens noch zu unterstreichen: „Was kann denn mein Krebs für mich und was kann er gegen mich tun?“ – – Charles Ofaire, zweisprachiger französisch-schweizerischer Autor, Kritiker, Journalist und Essayist, ist Verfasser von Romanen und Bühnenstücken, er hat Freud und Kafka ins Französische übertragen, Charles Nodier und Barbey d’Aurevilly ins Deutsche übersetzt, aktuell für die Kollegen bei Matthes & Seitz. Daneben hat er Regiearbeiten übernommen, unter anderem zu ‚La Damnation de Faust‘ von Berlioz. – Ofaire wurde ausgezeichnet mit dem Prix Barbey d’Aurevilly, den Palmes Académiques und der Légion d’Honneur. Nach 30 Jahren Tätigkeit an der Marburger Universtät wurde ihm kürzlich eine feine Festschrift ‚Transgressions‘ des Wissenschaftsverlages TECTUM gewidmet.