Politische Lyrik

Zweijahresbuch für politische Lyrik - Wettbewerbspreisträger

von

Es war ein Risiko, eine Themenbegrenzung vorzunehmen. Es war ein noch höheres Risiko, ein Thema zu wählen, auf dessen Terrain sich bisher selbst politisch denkende Lyriker kaum gewagt hatten. Den handfesten Beweis dafür liefert Joachim Sartorius‘ Handbuch der politischen Poesie im 20. Jahrhundert ‚Niemals eine Atempause‘. Unter den 19 Themenblöcken fehlt Europa völlig, obwohl das europäische Integrationswerk doch unser aller Leben seit Ende des 2. Weltkrieges entscheidend und ganz überwiegend erfreulich geprägt hat.
Als überzeugter Europäer wollte ich nicht akzeptieren, das in der Geschichte einzigartige Werk des friedlichen Zusammenschlusses eines einst bitter zerrissenen Kontinents allein den Berufspolitikern, den Wirtschaftsführern und den Technokraten der Integration (zu denen ich selbst drei Jahrzehnte lang gehört habe) zu überlassen. Contre vents et marées, against all odds, gegen alle Widrigkeiten habe ich also das Thema als Herausforderung für diese Runde des Wettbewerbs gewählt.
Wie zu erwarten, lag die Zahl der Einsendungen im Vergleich zu den fünf vorangegangenen Runden deutlich niedriger, nämlich bei 216. In den früheren Wettbewerben hatte sie zwischen 750 und 420 geschwankt. Hinzukam, dass trotz einer entsprechenden Warnung bei der Ausschreibung viele Einsender (etwa ein Viertel) Gedichte schickten, die sich mit dem Elend der Flüchtlinge oder des Krieges, mit den Fehlentwicklungen in Deutschland oder unserer Gesellschaft überhaupt beschäftigten, ohne sie in einen spezifisch europäischen Kontext zu stellen. Da aber in der Verknüpfung mit dem Thema Europa eine besondere gedankliche und künstlerische Herausforderung lag, konnten diese Werke trotz der enormen Bedeutung, die den hervorgehobenen Ereignissen und Entwicklungen zukommt, nicht berücksichtigt werden, weil sonst die Chancengleichheit aller Bewerber nicht gewahrt worden wäre.
Dabei wurde das Thema durchaus weit verstanden und war für jede Tendenz offen, wie sich aus den zur Wahl gestellten Arbeiten klar ersehen lässt. Ausschlaggebend für die Nominierung war, sofern das Thema wenigstens annähernd gewahrt wurde, der künstlerische Wert der Arbeit. Deshalb konnten selbst Gedichte, die engagiert für Werk und Werte der europäischen Integration fochten, nicht berücksichtigt werden, erreichten sie sprachlich nicht eine gewisse dichterische Höhe. Niemand bedauert das mehr als der Stifter des Preises. Ich bin deshalb auch betrübt, dass nahezu alle als preiswürdig nominierten Einsendungen Europa vornehmlich von den Rändern her wahrnehmen und dichterisch bearbeiten. Selten positiv oder gar utopistisch. Es bleibt also weiterhin bei der traurigen Wahrheit, dass Europa wenig Emotionen, vor allem so gut wie keine positiven, freisetzt.1 Die Gründe dafür zu ergründen, wäre wert, einen Essay-Wettbewerb auszuschreiben. Wer geht voran? Sollte ich es selber in zwei Jahren tun?
Wenig Echo gefunden in den Einsendungen hat eine meiner Bemerkungen zum Wettbewerb 2015, wonach eine Wiederbelebung der politischen Lyrik mit einer Neuentdeckung der Balladenform einhergehen müsste. Brecht hatte sie auf ganz neue Weise vor knapp 100 Jahren für die politische Lyrik eingesetzt. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass es bald einmal einen zweiten Wiederentdecker geben wird.
Vor gut zwölf Jahren rief Jacques Delors in einer Art Vermächtnis dazu auf, Europa eine Seele zu geben. Das war insoweit missverständlich, als Europa, seit es sich als geistig geografische Einheit begreift, stets eine Seele gehabt hat, und uns um sein ‚Seelenheil‘ im kulturellen und intellektuellen Sinne auch in Zukunft nicht bange sein muss. Künste und Denken sind seit eh ein Wesensbestandteil europäischer Lebensart vom Nordkap bis Sizilien, von Lissabon bis Murmansk – selbst noch in einer enorm materialisierten Welt. In diesem Sinne hieße die Aufforderung, Europa eine Seele zu geben, schlicht Eulen nach Athen tragen. Delors zielte jedoch mit seiner Initiative, die unter anderem in Berlin im Rahmen einer Stiftung ein konkretes Echo gefunden hat, spezifisch darauf ab, das vorwiegend von den sog. Eliten technokratisch ausgearbeitete und umgesetzte Werk der europäischen Integration – es wird häufig und zu Unrecht mit Europa schlechthin gleichgesetzt– mit der Zivilgesellschaft, aber auch ‚Geist und Kunst‘ zu verbinden. Weniger traditionsbewusst als Hallstein blickte er mehr in die Zukunft als die Vergangenheit.
So begrenzt das Ergebnis dieses Wettbewerbs sein mag, es stimmt wenig optimistisch dahin, dass Delors‘ Initiative erfolgreich sein wird. Denn von europäischer Identität, von Seele wagt man gerade als Deutscher kaum noch zu sprechen, von Sehnsucht oder Suche danach, spürt man wenig in den eingereichten Arbeiten. So verständlich es ist, dass in einer weltoffenen, ‚globalisierten‘ Gesellschaft es nicht nur schwierig ist, nationale Identität zu wahren, sondern auch in eine neue übernationale, sprich kontinentale Identität hineinzuwachsen, so gefährlich ist eine solche Entwicklung. Zwischen Kiez und Kosmos geht es nun einmal nicht ohne handlungsfähige, wertschöpferische Kollektive. Sollen das künftig nicht allein die weltweit agierenden Unternehmen sein, brauchen wir starke Staaten und starke Staatenverbünde. Europa hat dafür weltweit Maßstäbe gesetzt, auf die wir stolz sein können. Es vermag das weiterhin, wenn wir nur wollen. Freilich wird ein Werk, das man nicht beseelt angeht, bestenfalls aus Gründen der Vernunft, also ohne emotionale Bindung, nennen wir diese getrost Hingabe, langfristig nicht gelingen. Die Engländer haben dafür ein Beispiel geliefert und verlassen uns deshalb. Für sie – aber nicht allein sie – war Europa nie eine Herzensangelegenheit.
Die deutschsprachigen Dichter wollen offenbar vor allem Europas Schattenseiten beklagen. Dies immerfort zu tun, ist gewiss ihre Aufgabe. Es jedoch als die alleinige ihnen gebührende anzusehen, ist höchst bedenklich.