Quellen zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien

Vierte Reihe: Deutschland seit 1945

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Die Christlich-Soziale Union nimmt im deutschen Parteiensystem als autonome Landespartei mit bundespolitischem Geltungsanspruch eine Sonderstellung ein. Aufgrund ihrer herausragenden Wahlergebnisse, ihrer außergewöhnlichen Dominanz in Bayern und ihrer jahrzehntelangen Regierungsbeteiligung in Bonn zählt sie zu den erfolgreichsten Volksparteien Europas. Die siebziger Jahre spielen in der Geschichte der Partei eine herausgehobene Rolle. Während die CSU in Bayern zur Hegemonialpartei avancierte, musste sie sich nach dem Machtverlust in Bonn in der Opposition neu definieren. Die Landesgruppe der Abgeordneten der CSU im Deutschen Bundestag begann gegenüber der sozial-liberalen Koalition einen harten Konfrontationskurs einzuschlagen. Allerdings traten auch die Spannungs- und Konfliktlinien zwischen den beiden Unionsparteien deutlicher hervor. Durch die außergewöhnlichen Wahlergebnisse beflügelt verstand sich die CSU unter Franz Josef Strauß als Speerspitze der Opposition, dem sich die weniger erfolgreichen Landesverbände der CDU unterzuordnen hatte. Das gestärkte Selbstbewusstsein der CSU-Führung führte zu wiederholten Auseinandersetzungen mit der CDU unter Rainer Barzel und Helmut Kohl, die Ende 1976 in der Aufkündigung der Fraktionsgemeinschaft einen Höhepunkt erreichen sollte. Die Sitzungsprotokolle der CSU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag von 1972 bis 1983 geben nicht nur Einblick in das spannungsreiche Verhältnis der beiden Schwesterparteien, sondern reflektieren auch in Nahaufnahme die Entwicklung einer Partei, die unter ihrem Vorsitzenden Franz Josef Strauß eine herausragende Rolle in der Bundespolitik spielen sollte.