Reihe Phönixfeder

Erzählungen

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„Was ist dieses Ich? Diese Frage bedrängt mich immer. Sie ist auch der Grund, weshalb ich so viele Bücher las, und alle diese Bücher sind in den Erzählungen des vorliegenden Bandes verborgen. Ich begriff, dies alles war vergebliche Mühe, egal, welches Buch ich auch las, es brachte wenig Licht ins Dunkel. Alles, was ich erkannte, war: Auf dieser Welt leben zahllose Menschen, die noch mehr lügen als ich.“, schreibt Kim Yeon-su im Nachwort zu diesem Band. Dessen Erzählungen führen uns in die USA, nach England, China und Korea, wo der Leser Bekanntschaft mit historischen und fiktiven Persönlichkeiten der letzten drei Jahrhunderte macht: Die schöne Kurtisane Chunhyang wartet sehnsüchtig, wenn auch nicht ganz frei von Wutausbrüchen und Zweifeln, auf ihren adligen Geliebten. Sie, die wohl bekannteste Gestalt der vormodernen koreanischen Literatur, lebte der Legende nach im 17. Jahrhundert. Gut zweihundert Jahre später begibt sich ein fiktiver amerikanischer Detektiv aus Boston auf den Weg ins ferne Korea, um für seinen Klienten die ins Eremitenreich entflohene Verlobte aufzufinden und zurückzuholen, und während seiner abenteuerlichen Reise lernt der arrogante Verfechter nordamerikanischen Modernisierungswahns eine fremde Kultur kennen und schätzen. Schauplätze und Zeiten mögen variieren, eine Fragestellung jedoch zieht sich wie eine alles verbindende Idee durch die neun Erzählungen und begründet deren thematischen Konnex: Was ist Geschichte? Was dokumentieren Historiker und warum? Wie ist Historiografie möglich, wenn wir nicht einmal in der Lage sind, die zahllosen kleinen Zufälligkeiten unseres Alltagslebens in einen kausalen Zusammenhang zu bringen?

Um die kleinen Erzählungen geht es in Kim Yeon-sus Werk, um diese winzigen Ausschnitte aus der schier unendlichen Menge von Begebenheiten, die Geschichte letztlich ausmachen. Historie als Versuch, vergangene Wirklichkeit wahrheitsgemäß zu rekonstruieren, stellt für ihn ein aussichtsloses Unterfangen dar, nicht viel mehr als ein Spiel mit Erinnerungen, Worten und Texten. Aber eben darin erweist er sich als ausgesprochen talentiert.

Für sein literarisches Werk wurde Kim Yeon-su bereits mit vielen Preisen geehrt. Geboren 1970 in Kimch’ôn, einer Kleinstadt in der Provinz Nord-Kyôngsang, studierte er an der Sungkyunkwan-Universität in Seoul Anglistik und debütierte 1993 mit dem Roman Ich trete maskiert auf. Es folgten weitere Erzählungen und zahlreiche Romane, u.a. Nationalstraße Nr.7 (1997) Good bye, Yi Sang (2001), Die Nacht singt (2008) und Wenn die Welle etwas mit dem Meer zu tun hat (2012). Der vorliegende Erzählband entstand 2005 und wurde im selben Jahr mit dem Daesan-Literaturpreis ausgezeichnet.