tagebuchtage

von

Chris Bezzels Anfang der siebziger Jahre entstandenen und bislang unpublizierten „tagebuchtage“ sind eine Entdeckung. Deren Autor, der damals in Birmingham lebte, gewinnt aus dieser Distanz heraus einen scharfen Blick auf das politische und kulturelle Leben der Bundesrepublik in den bewegten Jahren nach 1968. Dass das Private politisch ist, macht dieses Diarium unmittelbar nacherlebbar und zieht den Leser nicht nur in den Alltag eines Autors hinein, der sich, auf der Suche nach einer Universitätsstelle in Deutschland, in einer Art Warteschleife befindet. Der Text lässt auch die politischen und literarischen Debatten der Zeit lebendig werden, die nicht abstrakt, sondern immer auch bezogen auf den eigenen Standpunkt im gesellschaftlichen und akademischen Leben geführt werden: Wie lässt sich der Wunsch nach einer Paarbeziehung mit der Idee einer befreiten Sexualität vereinbaren? Wie positioniert man sich im Literatur- und Universitätsbetrieb?Dieser Tagebuchschreiber ist ein hochreflektierter Autor, und er ist schonungslos gegen sich selbst, wodurch dessen Journale der Gefahr entgehen, zur eitlen Selbstbespiegelung zu verkommen. Chris Bezzel weiß: „Schreiben ist ein versuch, genau zu sein. aber eben nur einer unter vielen.“