Theaterbibliothek

Zwei Theaterstücke

von

Tom Lanoye ist eine Berühmtheit in Belgien: 1958 geboren, prägt er mit seinen Romanen, Gedichten, seinen Kolumnen, Kommentaren und Theaterstücken das kulturelle Leben. In Deutschland kennt man ihn seit seinem spektakulären Einstand mit dem Mammutwerk SCHLACHTEN! vor allem als Theaterautor.

MAMMA MEDEA
Je mehr man aufgibt, um einen Lebenstraum zu verwirklichen, desto abhängiger wird man von dessen Erfüllung: Tom Lanoyes in Deutschland bereits an 13 Bühnen inszeniertes MEDEA-Drama beginnt in Medeas Heimat, dem archaischen, streng patriarchisch regierten Kolchis, wo die Königstochter zwar Geborgenheit erfährt, aber wenige Freiheiten besitzt. Als die verwegenen Abenteurer aus dem fernen, fortschrittlichen Griechenland landen, öffnet sich für Medea eine neue Welt: Freiheit, Leidenschaft, Liebe, ein Leben jenseits der Konventionen. Der Liebe zu Jason und der Aussicht, mit ihm zu ziehen, opfert sie alle ihre Grundsätze und wird zur Mörderin von Vater und Bruder. In Griechenland angekommen, arrangiert sich Medea als Hausfrau und Mutter mit einem neuen Leben, von dem sie erkennen muss, dass es ihr übergroßes Opfer nicht wert war und ihre Erwartungen niemals erfüllen wird. Sie bleibt heimatlos, peu a peu erlischt die Liebe, Jason wendet sich ab, das tragische Ende ist nicht aufzuhalten. Tom Lanoye erzählt den ersten Teil der Medea auf Kolchis in Vers und Metrum, die Sprache spiegelt die archaische Strenge und Fremdartigkeit des Ortes, der zweite Teil ist sprachlich von heute, das Schicksal von Mamma Medea ist eines von hier und jetzt.

MEFISTO FOREVER. Frei nach Klaus Mann
Der Wert, der Anspruch, die Verantwortung des Künstlers in der Gesellschaft – Kunst und Macht: darum geht es in Tom Lanoyes neuestem Stück, das nur auf der Bühne spielt, und zwar vor, während und nach Theaterproben.
Dem Starschauspieler Kurt Köpler tragen die neuen, totalitären Machthaber das Amt des Theaterintendanten an, nachdem sie den alten, missliebigen zum Rücktritt gedrängt haben. Er nimmt an, wobei er seine Prinzipen und seine Verantwortung Stück für Stück aufgibt. Unbequeme Schauspieler verschwinden, unfähige Günstlinge des Regimes spielen Hauptrollen, der Kulturminister mischt sich in Proben und Programm ein – und der Intendant bleibt tatenlos. Während der Kriegslärm immer lauter wird und der Minister auf der Bühne aufpeitschende Reden hält, beschwört Kurt Köpler die Kunst um der Kunst willen und gibt sich seinen Rollen aus der Weltliteratur hin. Kaum ist der Krieg vorbei, erscheint ein neuer Machthaber und fordert ihn auf, gleich weiterzuspielen. Das passt: Etwas anderes als „spielen“ kann er nicht mehr.