„Gott lebt ja! — Ach, Anne-Marie“

Am 21. Dezember 2017 wäre Heinrich Böll 100 Jahre alt geworden. Der Verlag Kiepenheuer & Witsch ehrt den Autor mit einer besonderen Ausgabe seiner Kriegstagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 1943 bis 1945. Der Titel: „Man möchte manchmal wimmern wie ein Kind“.

Wir sind am Stand von KiWi auf der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt. Stolz zeigt man uns die Neuerscheinungen, darunter ein, wie es aussieht, kleines Notizbuch: schwarzer Einband, Leseband, abgerundete Ecken. Aber es ist kein Notizbuch. Oder doch! Aber ein bereits beschriebenes – mit handschriftlichen Aufzeichnungen von Heinrich Böll aus den Jahren Oktober 1943 bis September 1945.

Der damals 26-Jährige ist bereits vier Jahre Soldat. Wie groß das Leid des jungen Bölls ist, wird bereits beim flüchtigen Reinblättern sofort vorstellbar: Böll listet Tote auf, Verwundete, dokumentiert alltägliches Kriegsgeschehen:

„Uffz. Scheer gefallen +
Striche vermißt
Das Essenholen!!
DAs Feuer der Scharfschützen und (xxx)
Flachbunker.
Gfr. Voigt!
Gefr. Springsguth
Gefr. Bayer
Der Gefr. Müller
Gefr. Joplis
__________
20.11.43
Die entsetzlich
kalte, elende Nacht.
vorne beim Schanzen
Morgens Trommelfeuer,
das Schlimmste bisher
die „Stalin-Orgel“ …“

Manchmal über Seiten hinweg nur ein Name, immer wieder – „Anne-Marie!“ Der Name von Bölls Frau, die er im März 1942 heiratete. Spätestens da läuft einem der Schauer über den Rücken. Es scheint, als würde hier jemand das Allerletzte unternehmen, nicht an diesem Elend zu verrecken oder verrückt zu werden oder beides.

Bildquelle: Kiepenheuer & Witsch

So manch einer mag fragen, wozu dieses Buch? Und manch einer: warum so? Ich muss an meinem Großvater denken, der auch an der Front war. Vielleicht hat er ebenso „geweint“, den Namen seiner Frau „Elisabeth“ im Schlaf gerufen … Er hat es mir nicht erzählt. Vielleicht gab es Gründe für sein Schweigen. Das Einzige, was ich von ihm bekommen habe, war eine kleine Dose. Er hatte sie immer dabei. Nicht größer als eine Schachtel Kaminhölzer. Was er darin während der endlosen Märsche transportierte: ein paar Kohletabletten, wenn die Ruhr wieder um sich ging, Faden, eine Nadel, ein Foto von Elisabeth und den Kindern.

Seine Art, sich am Leben zu halten …

 

 

 

 

 

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