In der Liebe sind wir alle Amateure.

Neben meinem Bett steht seit Ewigkeiten eine Box mit ungefähr 40 ungelesenen Büchern. Vorgestern habe ich beschlossen, mir ab sofort jede Woche eins davon vorzuknöpfen. Wenn ich mich an diesen Vorsatz halte, außerdem zwischendurch keine neue Lektüre vom Altpapiercontainer oder aus irgendwelchen zu-verschenken-Kisten am Straßenrand anschleppe, dann ist die Sache gegen Ende des Jahres endlich mal erledigt. Übertriebene Hoffnungen mache ich mir nicht, nicht nur wegen der vielen zu-verschenken-Kisten überall, die ich ab sofort komplett ignorieren muss.

Aus einer solchen Kiste habe ich mal Feuchtgebiete von Charlotte Roche mitgenommen und tatsächlich gelesen – im Gegensatz zu wahrscheinlich allen anderen, die dieses Buch besitzen. Mit ein bisschen gutem Willen hat man das in drei Stunden durch. Ich habe mich sehr amüsiert, nicht nur über ein paar wirklich ganz lustige Sätze darin. Vielmehr darüber, dass eine offensichtliche und plumpe Provokation so 1-A funktioniert und dieses insgesamt eher belanglose Werk in Medien und Bestsellerlisten katapultiert hat.

Ab heute muss, nein, werde ich an sowas eiskalt vorbeigehen. Was mein Vorhaben weiterhin erschwert, das ist die Tatsache, dass in dieser Box auch Anna Karenina liegt. Das liest die russische Verkäuferin am Broilerstand vorm Sky-Markt Denhaide auch gerade, und zwar im Original. Sie wird mit ziemlicher Sicherheit vor mir damit fertig sein. Danach, sagt sie, kommt Krieg und Frieden. Ihre Brathähnchen schmecken gleich ein bisschen gehaltvoller und eine Prise melancholisch.

Um mich nicht direkt zu Beginn der Aktion komplett zu frustrieren, habe ich mit etwas Unterhaltsamem begonnen: 13 Abhandlungen über prominente Paare der älteren und jüngeren Geschichte, die mit ihren Trennungen, sagen wir mal, nicht so richtig gut klar gekommen sind. Ich schätze, jeder von uns erinnert sich augenblicklich an einschlägige Situationen aus der sogenannten Jugend und schaut ertappt zu Boden. Ich kann euch alle beruhigen: was immer ihr gemacht habt – es war vielleicht hirnrissig und bekloppt, aber letztendlich harmlos. Schließlich, das kann ich mit großer Sicherheit sagen, wurde niemand auf euren Befehl hin vor versammelter Mannschaft geköpft. Jedenfalls nicht in echt.

Ihr habt auch nie euren Exmacker zum Hofnarren erklärt und ihm befohlen, sich als Huhn zu verkleiden, sich auf ein eigens dafür aufgebautes Nest in eurem Vorzimmer zu hocken und jedes Mal, wenn Gäste kommen, so zu tun, als hätte er gerade ein paar Eier gelegt. Auf diese erniedrigende Idee kam im 18. Jahrhundert Kaiserin Anna Iwanowna von Russland. (Vielleicht sollte ich doch erst Anna Karenina lesen?) Einfach nur köpfen erscheint da vergleichsweise unoriginell. Man fragt sich natürlich, warum der Typ, in diesem Fall ein gewisser Prinz Michail, Mitglied einer der angesehensten Familien des Landes, die Nummer mit dem Huhn mitgespielt hat. Wahrscheinlich hätte er mir das geantwortet, was viele Menschen sagen, wenn man sie darauf hinweist, dass sie sich von ihrem Arbeitgeber verarschen lassen: „Ich muss doch irgendwie meine Miete zahlen, und in meinem Alter finde ich nichts besseres mehr.“

Fazit: mit unseren hasserfüllten SMS voller bizarrer Anschuldigungen, Selbstmitleid und Rechtschreibfehlern, abgeschickt deutlich nach Mitternacht unter Einfluss bedenklicher Promillewerte, können wir da nicht mithalten.

Weil man niemals sicher ist vor einem gebrochenen Herzen und ebensowenig jemals zu alt wird, um sich daneben zu benehmen, ist es gut zu wissen: anderen ging es da ähnlich beschissen. Und die waren immerhin berühmt oder mächtig oder talentiert genug, um in die Weltgeschichte einzugehen. Das wird uns erspart bleiben, über unsere Verfehlungen wird niemand ein Buch verfassen.

Also, wer sich angesprochen fühlt:

Jennifer Wright, Kill your Darling! 13 Trennungsstorys, die Geschichte machten, Suhrkamp Taschenbuch, 2016.

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