Die trinkende Frau

Heute war ich unterwegs, um nach einem Geburtstagsgeschenk für meinen Freund zu stöbern. Das ging natürlich nicht, ohne mir selbst eine Kleinigkeit zu gönnen. Nachdem ich dekorativen Schalen in modischen Farben, einem schwarz-weiß gestreiften Südwester (todschick!) und bizarren Nippesfigürchen namens „Angry Aliens“ widerstanden hatte, sah ich dieses hübsche kleine Buch. Elisabeth Raether, Die trinkende Frau. Das war, solange sie erschien, meine liebste Kolumne im Zeit-Magazin.

Es brauchte also eigentlich nichts mehr, um mich noch vom Kauf zu überzeugen. Trotzdem nahm ich das Ansichtsexemplar zur Hand und las das Vorwort. Darin schreibt Frau Raether sinngemäß, dass ein übellauniger, patziger Mann als tiefsinnig und kritisch gilt, eine Frau in dem Fall hingegen als nörgelig und überspannt. Männer lösen philosophierend die Probleme der Menschheit, Frauen haben PMS.

Normalerweise halte ich mich aus diesem Männer-Frauen-Dings einigermaßen `raus, aus der Überzeugung nämlich, dass man den ollen Käu nicht wieder und wieder auswalzen und somit permanent aufs neue festigen sollte – und sei es nur dadurch, dass man sich darüber aufregt. Leider habe ich den sprachwissenschaftlichen Teil meines Studiums damit verbracht, meinen Kommilitonen C. anzuhimmeln (obwohl: so leid tut mir das gar nicht), sonst wüsste ich jetzt vermutlich besser Bescheid über den Zusammenhang von Ideen und deren Benennung. Was ist eher da: die Sache selbst oder das Wort, also das gedankliche Konzept, dafür?

Was ich damit sagen will: meine naive Hoffnung ist es, wenn alle endlich damit aufhörten, rosa als Farbe ausschließlich für Mädchen zu deklarieren, würde das Konzept von rosa als Farbe ausschließlich für Mädchen bald aussterben. Eigentlich ganz einfach.

Naja, jedenfalls habe ich mich richtig schön in Rage gelesen, und als ich aufblickte, stand dieser harmlose Typ neben mir, den ich, noch ganz in Gedanken, finster und vorwurfsvoll angeschaut habe.

Sein fragender Blick hat mich in die Wirklichkeit zurück geholt, ich habe mich kurz geschüttelt, ihn entschuldigend angelächelt und das Buch gekauft. Es liegt jetzt hier, noch unangetastet, ich werde es mit dem Respekt öffnen, der auch einer Flasche sechsfach destilliertem Wodka gebührt. Und dann jeden Satz genießen.

Das Wechselgeld reichte genau für einen Eierlikörbecher im Eiscafé neben der Buchhandlung.

Ach so, der Geburtstag meines Freundes. Wir schenken uns ja eigentlich nichts.

(Elisabeth Raether, Die trinkende Frau, Piper, 2016)

# Elisabeth Raether, Piper. Die trinkende Frau

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