Prosperos Rache

Hexensaat | Margaret Atwood besprochen von Janina am 13. Januar 2018.

Bewertung: 4 Sterne

Innerhalb der Hogarth Shakespeare-Reihe erscheinen Neubearbeitungen von Shakespeares Werken und zwar von international bekannten Autoren. So hat z.B. Anne Tyler „Der Widerspenstigen Zähmung“ ein neues Kleid verpasst oder Edward St Aubyn sich mit „König Lear“ auseinandergesetzt. Margaret Atwood, die Grande Dame der kanadischen Literatur, hat „Der Sturm“ gewählt.

„Der Sturm“ gilt als Shakespeares letztes Werk, von dem die Sage geht, der Zauberer Prospero sei er selbst, der am Ende seines Lebens den Zauberstab zerbricht und die Bücher vernichtet. Das ist begrenzt glaubwürdig, wenn man die vielen noch offenen Fragen in der Shakespeare-Forschung bedenkt, zu denen unter anderem die Frage zählt, wer eigentlich der Autor war, den wir Shakespeare nennen… Margaret Atwood hat es sich also definitiv nicht leicht gemacht mit der Wahl dieses Stückes. Für eine Komödie ist es zu tragisch, für eine Tragödie gibt es zu wenig Tote und das Ende ist zu freundlich, was ist es also?

Prospero, ehemals Herzog von Mailand, wird von seinem eigenen Bruder gestürzt und in einem lecken Boot im Meer ausgesetzt. Er erreicht in letzter Not eine Insel, auf der er zusammen mit seiner Tochter Miranda die kommenden Jahre verbringen wird. Und nun wird es kompliziert: es gibt dort Luftgeister, Göttinnen, Hexen, Trolle und den im Umgang etwas schwierigen Caliban. Der Zauberer Prospero schwingt sich zum Herrscher der Insel auf und schlußendlich gelingt es ihm sogar, Rache zu nehmen und seine Tochter geschickt zu verheiraten. Dafür braucht es viele Worte und Verwicklungen und so einiges an Personal.

Mrs Atwood verlegt die Geschichte auf eine moderne Insel, einen Ort, der mehr oder weniger abgeschlossen ist von der Aussenwelt, ein Männergefängnis. Dort probt der gealterte, ehemals berühmte Regisseur und Schauspieler Felix Phillips mit den Insassen für eine Aufführung von „Der Sturm“. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere als Leiter eines Theaterfestivals wurde er von seinem Freund und Mitarbeiter Tony betrogen und aus dem Amt entfernt. Er hat Rache geschworen und jetzt endlich scheint die Gelegenheit da zu sein…

Was für ein Kunstgriff! Die ursprüngliche Geschichte wird also quasi umrahmt von der Neubearbeitung. Und der Leser darf rätseln, wer nun in der Jetztzeit welchen Charakter des Stückes darstellt. Zeitgleich bekommen wir aber auch noch eine Stückanalyse frei Haus, da Felix mit den Strafgefangenen, und somit ja auch mit dem Leser, das Drama in seine Bestandteile zerlegt, um es für den ungebildeten Laien verständlich zu machen. Denn in einem Gefängnis sitzen ja nun meistens alles andere als gebildete Theaterkenner.

Natürlich muss man das Buch als das lesen, was es ist: eine Bearbeitung mit einem in groben Zügen vorgegebenen Inhalt. Es ist nicht zu vergleichen mit anderen Werken der Autorin, die besser durchkomponiert sind und prägnanter formuliert. Man sollte es als das sehen, was auch Margaret Atwood offensichtlich darin gesehen hat: einen riesengroßen Spass und eine Spielwiese für kreative Ideen. Sie hatte sicherlich nicht die Absicht, mit diesem Buch nobelpreiswürdige Lektüre abzuliefern. Sie hat sich ausprobiert, hat Raps im Shakespeare-Stil geschrieben, hat an den passenden Stellen Glitzerkonfetti verstreut und nicht jede Handlung auf ihre Wahrscheinlichkeit überprüft. Mir hat sie mit der Idee, dass während der Proben nur Schimpfwörter aus dem shakespeare’schen Original benutzt werden dürfen, viel Freude gemacht. Ich war im Übrigen überrascht, wie viele das Stück hergibt, aber das nur am Rande.

Ich finde, Margaret Atwood hat ihre Aufgabe sehr selbstbewusst erledigt, aber auch sehr achtungsvoll vor dem Werk des Mannes, den man Shakespeare nennt. Für einen Schriftsteller, egal wie berühmt, ist es nicht leicht, sich mit dieser Ikone zu messen. Eine Neubearbeitung muss, verglichen mit dem Original, mit großer Sicherheit abfallen. Sie hat sich also gar nicht erst auf einen Vergleich eingelassen, sondern eher eine Hommage geschrieben oder auch eine kleine Werkanalyse verpackt in einen Roman. Wer das vor Augen hat, kann mit diesem Buch zum einen viel Spass haben und zum anderen auch einiges über den Sturm lernen. Und ganz unabhängig davon, ob man diesen Roman nun als großen Wurf betrachtet oder nicht, kann Margaret Atwood hervorragend schreiben. Ubd damit, ich sage es ganz unverblümt, wird die Kritik, das Werk wäre zu oberflächlich und nicht aussagekräftig genug, zu Jammern auf hohem Niveau.

Daher meine Empfehlung: lesen, lernen, Spass haben.

 

Ich danke dem Knaus Verlag sehr herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

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