Aktivität

  • Dörte Brilling veröffentlichte ein Update in der Gruppe Gruppenlogo von lit:chat zu dem Buch: "Stillleben" von Antonia Baumlit:chat zu dem Buch: "Stillleben" von Antonia Baum vor 3 Jahren, 6 Monaten

    Lektüre des 3. Abschnitts: (Kapitel 11–17)
    *** 16. Mai bis 20. Mai ***

    • Klar, dass die angesprochenen gesellschaftlichen Themen irgendwann auf dem Tisch dieser Leserunde landen würden. Einhelliger Tenor: Gesellschaftskritik ja, aber nur halbseiden. @Sascha meint, Baum nimmt sich immer nur den besten Teil und vermisst vor allem die Analyse. @Sandra sieht die vielen abgefrühstückten feministischen Themen, findet aber, dass das in Zeiten des „krassen Antifeminismus … vielleicht nicht die schlechteste Art (ist), noch ein paar vernünftige Gedankengänge unter die Menschen zu bringen.“ @DiePassantin stellt fest, ja, es sind Luxusprobleme, aber sind die deshalb weniger wuchtig? @Frieda_W. findet es unerträglich, dass die Baum in einer autobiografischen Erzählung alles, in der Gesellschaft vor sich Gehende, auf sich bezieht. @SImon fühlt durchaus mit, was ihn selbst wundert, und plädiert für mehr Gelassenheit bei der Rezeption des Textes. Für @Angelika ist das Buch kein Ernkenntnisgewinn und sie findet es schade, dass die Autorin so wenig Empathie zeigt, anderen und sich selbst gegenüber, was übrigens auch @Annegret so sieht.

      Das Kind ist da, jetzt geht es um *die Beziehung*! Ich freue mich auf die weitere Diskussion, die ich übrigens sehr spannend findet! Vielen Dank an euch alle.

      • Mein Mitgefühl mit der Erzählerin wundert mich nicht so sehr, eher wundere ich mich, daß hier teilweise so auf ihre „Selbstbezogenheit“ eingedroschen wird, ich meine, das ist doch eine echte Extremsituation, die Verantwortung für ein Kind zu haben, ich finde es gut, daß sie den Mut hat, das zu erzählen. Könnte mir vorstellen, daß der Drang, dieses Buch zu schreiben, auch weniger politischer als vielmehr therapeutischer Natur war. Aber dat ist natürlich nur Spekulation. Gefällt mir übrigens gut, so ein Lesekreis, ich glaube, ohne diesen Austausch hier hätte ich schon kapituliert. 😀 So, ma weiterlesen; hold on, Antonia!

        • Wovor hättest du kapituliert? Dem Buch? Dem Leben? 😀
          Ja, das ist ein bisschen unfair, der Autorin „Selbstbezogenheit“ vorzuwerfen. Sie wirkt halt stellenweise so, als habe sie über bestimmte Aspekte und Ungerechtigkeiten des Lebens und der Gesellschaft davor noch nie nachgedacht. Das wirkt dann etwas naiv, und das nervt (mich).
          Mittlerweile, so ab Kapitel 11, bin ich aber wieder etwas versönlicher.
          Für viele der Themen gibt es erstmal keine Lösung, jedenfalls keine, auf die man als Individuum großen Einfluss hat, weil sie durch Erziehung/ Sozialisation so fest in uns verankert sind – etwa dass man sich als Frau immer für alles, was in den reproduktiven Bereich fällt, verantwortlich fühlt. Dass das so ist, kann einem zwar intellektuell bewusst sein, aber dadurch ändert es sich nicht auf emotionaler Ebene.

        • Lieber Simon, ich finde es schön, dass du für die Autorin Partei ergreifst.
          Ich glaube, ich habe in meinem letzten Post deutlich ausgedrückt, dass ich sehr Vieles von dem, was Frau Baum schildert, aus eigener Erfahrung nachvollziehen kann. Ich kann also getrost sagen: ich weiß um all die beschwerlichen Zeiten rund um Schwangerschaft und Kind/er …
          Was für mich schwer nachzuvollziehen und auch zu ertragen ist, ist das Dauer-Gejammer, die negative Sicht auf die Dinge und auch, dass Frau Baum den Eindruck vermittelt, als wäre das alles – Wohnung, Kind … – so unvermittelt über sie hereingebrochen. Mensch, die Frau ist erwachsen! Sollte man/frau zumindest meinen…. Das ist es, was mich ungehalten macht und nervt.

          • Je weiter ich mit dem Buch vorankomme, umso genervter bin auch ich. Fest gebunden an das Haus mit dem Baby bekommt die Autorin Angst, z.B. daß der schreiende Nachbar sie und ihr Kind umbringt. Auf einmal rechnet sie ihre Aufgaben zuhause mit den Sachen auf, die ihr Freund macht. Das ist doch reine Erbsenzählerei. Die Autorin hat eine Putzfrau. Sie findet sogar Zeit, mit ihrem Freund zum Psychotherapeuten zu gehen. Mein Gott, was machen nur all die alleinerziehenden Mütter oder Väter, die keine Putzfrau haben, die mit wenig Geld auskommen müssen? Sie überleben! Ja, das geht auch!

            Wenn man ein Kind bekommt, läuft die Uhr anders, läuft das Leben anders. Aber man bekommt auch etwas Großartiges geschenkt!

    • [langer Kommentar]
      Bei mir wird es leider nicht besser, ganz im Gegenteil. Ich bin komplett bei @sandra wenn sie schreibt: „Sie wirkt halt stellenweise so, als habe sie über bestimmte Aspekte und Ungerechtigkeiten des Lebens und der Gesellschaft davor noch nie nachgedacht. Das wirkt dann etwas naiv, und das nervt (mich).“

      Aber das ist nur der Anfang des Unwohlseins bei mir mit Antonia Baum. Ich könnte fast jede Seite kommentieren, mache es aber exemplarisch. Man könnte es kurz zusammenfassen als: Sie ist Teil des Problems, erkennt dies manchmal auch, nur ändert das überhaupt nichts. Außer vielleicht, dass sie das Problem nicht wieter angeht, sondern als „so ist das eben“ abtut.

      Sie zieht in einen Kiez, weil es da so alternativ und spannend zugeht und sie sich dort von ihrer bürgerlichen Existenz, deren Sinnerfüllung Arbeit heißt, ablenken kann. Aber der Kiez soll sich gefälligst ihren Standards anpassen. Dass sie dabei Teil der Gentrifizierung des Stadtteils ist, nimmt sie nicht wahr oder aber dann kann sie eben immer noch darüber eine Reportage für die Zeit machen, so wie sie die Banalität ihres Mutterseins in ein Buch gießt.

      Sie meint sie sei links und sozialliberal, dabei ist es nichts anderes als eine Attitüde, ein Image, dass Journalisten, gerade der Zeit, gerne für sich in Anspruch nehmen, während die ihren bürgerlichen Klassismus ausleben und auf alles was anders ist herabschauen. Sie sind in einer Ideologie verfangen, die sie glauben macht, sie wären so besonders tolerant und alle Menschen seien doch gleich. Irgendwann werden sie dann aus ihrer Journalisten-Besserverdiener-Bubble herausgerissen und mit dem wirklichen Leben vieler Menschen konfrontiert. Dabei stellen sie dann fest, dass ihre unsinnig unreflektierte Vorstellung von „Gleichheit“ ja gar nicht funktioniert. Anstatt nun aber diese Vorstellung zu korrigieren, es gibt ja nun reichlich Literatur zu Gleichheit und Gerechtigkeit, wird das Konzept einfach gänzlich als unrealistisch verworfen. Funktioniert halt nicht in der Realität. Die anderen sind eben einfach asozial. Und endlich zeigt sich der erzkonservative Charakter dieser Klientel. Egoistisch und ignorant. Ein Spiegelbild des deutschen Bürgertums. Zumindest dafür ein Danke an die Autorin.

      Das Selbstgespräch über den Kapitalismus hätte irgendein*e Lektor*in unbedingt streichen sollen. Jenseits von Jens Fleischhauer bei Spiegel Online hat man selten so ein undifferenziertes Bild des Kapitalismus, der dafür gesorgt hat, dass „Menschen länger leben“, gelesen. Kann Frau Baum ja gerne mal den Kindern in Bangladesch erzählen, die für ein paar Cent die Kleider westlicher Nobelmarken nähen. Oder afrikanischen Jugendlichen, die ihr Leben beim Salzabbau oder in Kobaltminen verkürzen. Oder gleich den Eltern, die ihre Kinder wegen Unterernährung oder fehlenden Medikamenten beerdigen müssen. Nur weil der westliche Kapitalismus der Meinung ist, keine Generika an Afrika zu verkaufen oder europäische Agrarprodukte dermaßen zu subventionieren, dass es billiger ist diese in Afrika zu importieren als selbst herzustellen.

      Besonders nervig wird es dann, wenn Baum ihre Selbstfindung, dann auch noch als Erkenntnis für alle verkauft. Würde sie wenigstens nur für sich sprechen, könnte man das Buch als Selbstfindungstrip und Ich-zentrierten Verarbeitungsmonolog abhaken. Aber dadurch, dass sie meint, permanent in der Mehrzahl sprechen zu müssen (wir, Menschen wie ich, Besserverdiener usw.), macht es zu einem narzisstisch-missionarischem Werk, dass die Banalität zur Erkenntnis erhebt und die Autorin zur Erleuchteten.

      Vielleicht klingt das alles etwas zu hart und ungerecht. Aber der Klappentext verspricht Feminismus oder mindestens Emanzipation. Weder das eine noch das andere ist zu erkennen. Und dabei hat Baum die Latte selbst hoch gelegt in den ersten Kapiteln als plötzlich Eva Illouz oder Bascha Mika genannt werden. Nur kommt danach nichts mehr. Keine Reflektion, die Bezug nehmen würde auf feministische oder soziologische Positionen und Literatur.

      • Erfahren wir eigentlich, wie alt das Kind und wie erfahren die Mutter und Autorin ist, als sie das Essay schreibt? Mir schwant bei deinem Kommentar zu fehlenden Lösungen, dass Antonia Baum in Erkenntnis vielleicht noch nicht dort angelangt ist. Das ist nicht als Verteidigung gemeint (zumal mir die späteren Kapitel weniger gefallen als der Start), aber als Fortsetzung meiner eben unten notierten Überlegung zu ihren Ängsten. – Muttersein ist eine Rolle, auf die keine Frau vorbereitet ist. Jedes Kind ist anders, jeder Tag bringt Neues. Solange sie als junge Mutter noch darin verhaftet ist, ihren neuen Familienalltag zu meistern, erwarte ich keine kompakten Lösungen fundamentaler gesellschaftlicher Probleme von der Autorin. Aber es wäre schön, wenn die Bestandsaufnahme zur eigenen Schwangerschaft und zum eigenen Rollenwechsel noch Spätfolgen hätte…